Kurt Gossweiler – Stalinismusdebatte

Ich hatte schon mehrfach im Blog auf den Historiker Kurt Gossweiler verwiesen. Sein Tod im Mai diesen Jahres veranlasste mich, die auf seiner Webseite veröffentlichten Artikel zu archivieren, da ich befürchtete, dass die Seite irgendwann im Nirwana verschwinden würde. Insbesondere seine Ausführungen zu Stalin und die Stalinismusdebatte haben mir eine neue Sicht auf viele historische Ereignisse vermittelt.

Die Seite existiert weiterhin und es scheinen sich Menschen gefunden zu haben, die sich zur Aufgabe gemacht haben, das Erbe Kurt Gossweilers zu pflegen. Trotzdem möchte ich auch hier die interessanten Artikel, Briefe, Reden Gossweilers zu verschiedenen Themen zur Verfügung stellen.

Den Anfang macht eine Rede von Kurt Gossweiler im Rahmen der Stalinismusdebatte, die er am 01. Mai 1994 auf einer internationalen Beratung in Brüssel, einberufen von der Partei der Arbeit Belgiens hielt. Die ursprüngliche Überschrift lautete:„Der Anti-Stalinismus – das Haupthindernis für die Einheit aller antiimperialistischen Kräfte und der kommunistischen Bewegung.“

Der Vortrag wurde in der Folge in verschiedenen deutschen und internationalen Publikationen veröffentlicht. 

Der Artikel liegt selbstverständlich im Original vor. Ich habe lediglich den Download von der Webseite kurt-gossweiler.de in eine „lesbare Form“ gebracht, soll heißen lediglich Änderungen in Formatierung und Satz vorgenommen. Als PDF steht Gossweilers Arbeit ab heute unter dem Menu Downloads\Geschichte\Gossweiler zum Download bereit. Den etwas sperrigen Titel habe ich für den Link auf „Stalinismusdebatte1“ verkürzt.

Zum Abschluss ein Zitat aus dem Artikel, der sich u.a. mit den sogenannten „Moskauer Prozessen“ der 30er Jahre beschäftigt, von den „Anti-Stalinisten“ in der Argumentation genutzt, um Stalin als Zerstörer der leninschen Partei zu diffamieren, als Mörder „aufrechter Kommunisten“ zu diskreditieren. Bertold Brecht schrieb zur Konzeption der Angeklagten der „Moskauer Prozesse“:

Die falsche Konzeption hat sie tief in die Isolation und tief in das gemeine Verbrechen geführt. Alles Geschmeiß des In- und Auslandes, alles Parasitentum, Berufsverbrechertum, Spitzeltum, hat sich bei ihnen eingenistet. Mit all diesem Gesindel hatten sie die gleichen Ziele. Ich bin überzeugt, dass dies die Wahrheit ist, und ich bin überzeugt, dass diese Wahrheit durchaus wahrscheinlich klingen muss, auch in Westeuropa, vor feindlichen Lesern. … Der Politiker, dem nur die Niederlage zur Macht verhilft, ist für die Niederlage. Der, der ´Retter´ sein will, führt eine Lage herbei, in der er retten kann, also eine schlimme Lage. … Trotzki sah zunächst den Zusammenbruch des Arbeiterstaates in einem Krieg als Gefahr, aber dann wurde er immer mehr die Voraussetzung des praktischen Handelns für ihn. Wenn der Krieg kommt, wird der ´überstürzte´ Aufbau zusammenkrachen, der Apparat sich von den Massen isolieren, nach außen wird man die Ukraine, Ostsibirien und so weiter abtreten müssen, im Innern Konzessionen machen, zu kapitalistischen Formen zurückkehren, die Kulaken stärken oder stärker werden lassen müssen; aber all das ist zugleich die Voraussetzung des neuen Handelns, der Rückkehr Trotzkis.

Die aufgeflogenen antistalinistischen Zentren haben nicht die moralische Kraft, an das Proletariat zu appellieren, weniger weil diese Leute Memmen sind, sondern weil sie wirklich keine organisatorische Basis in den Massen haben, nichts anbieten können, für die Produktivkräfte des Landes keine Aufgaben haben. Es ist ihnen ebenso zuzutrauen, dass sie zuviel als zu wenig gestehen.

Bertolt Brecht, Schriften zu Politik und Gesellschaft, Bd. 1, 1919-1941, Aufbauverlag Berlin und Weimar, 1968, S.172f

Weitere Dokumente werden folgen …

Zitat des Tages – Thomas Hecker

 

Irgendwann sollten die etablierten Parteien des Westens akzeptieren, dass es der Gipfel der Verlogenheit und Dreistigkeit ist, dass in einem Land, in dem schlimme Verbrecher – so Globke und Kiesinger – ihre zweite Karriere machen konnten, dass in diesem Land jeder DDR-Bürger, der seinem Land diente, dafür zahlen muß, bis zu seinem Ende.

In der Wendezeit war viel die Rede von der Notwendigkeit des aufrechten Gangs. Wir sollten ihn wieder lernen.

Thomas Hecker (Aus „Mitteilungen der Kommunistischen Plattform (KPF) der Partei Die Linke“ 05/2017)

Übernommen aus dem „Rotfuchs“ August 2017. Thomas Hecker ist Sprecher der KPF. In seinem Artikel äußert er sich zu Problemen des Wahlkamps der Linke, insbesondere zum Thema „Aufarbeitung der DDR-Geschichte.

Wem die Namen im Zitat nichts sagen, hier der Wikipedia Artikel zu Hans Globke und der zu Kiesinger. In einem Punkt hat Hecker allerdings nicht ganz recht: nicht jeder der der DDR diente muss  „bis an sein Ende zahlen“, nur die, die heute zu ihrer Vergangenheit stehen und sich an der Verteufelung der DDR nicht beteiligen …

Persönliches und Politik

Es war ruhig auf dem Blog in den letzten Wochen. Mich treibt im Moment wieder Vieles um, meist private Angelegenheiten, aber zunehmend Raum greifend auch die Politik.

Die Situation in der Welt, Europa und Deutschland beschäftigt, macht nachdenklich. Schien es Anfang des Jahres noch möglich, dass die Bundestagswahl im September zumindest eine teilweise Abkehr von der katastrophalen neoliberalen Ausrichtung der deutschen Politik bringen könnte, sehe ich im Moment eher schwarz. Und das durchaus im doppelten Sinne des Wortes.

Die SPD hat es versäumt, sich neu aufzustellen und sich zurück zu besinnen auf ihre tatsächliche Klientel. Selbst das Godesberger Programm scheint geradezu revolutionär gegenüber der heutigen poltischen Ziele.

Die Grünen wandelten sich in den den vergangenen Jahren zu Kriegstreibern und Vertretern eines „starken Deutschlands“. Sie sind bestenfalls noch olivgrün und weit entfernt von ihren Ursprüngen.

Die Linke hat sich endgültig zur SPD 2.0 gewandelt, will die Auswirkungen von Sozialabbau und Umverteilung allenfalls abschwächen, den Kapitalismus wieder „sozialer“ machen. Das die hochgepriesene „soziale Marktwirtschaft“ lediglich solange aufrecht erhalten wurde, wie es einen zweiten, sozialistischen deutschen Staat (und natürlich nicht nur den) gegeben hat, wird von allen „führenden Köpfen“ nicht gesehen oder gar geleugnet. Im Bestreben „regierungsfähig“ zu werden, sind Teile der Linken sogar bereit, ihre im Parteiprogramm von 2013 festgeschriebenen  militärpolitischen Positionen über Bord zu werfen. Natürlich sind die auf dem Hannoveraner Parteitag genannten Positionen zu Hartz IV, Rentenrecht, Privatisierung usw. richtig, aber das kann in meinen Augen nicht alles sein. Die Abschaffung der Ausbeutung, soziale Gerechtigkeit, konsequente Friedenspositionen spielen keine Rolle mehr in programmatischen und aktuellen Diskussionen innerhalb der Parte.

Seit Anfang der 90er bin ich auf der Suche nach einer neuen poltischen Heimat. Zunächst enttäuscht vom und vor allem von der Art des „Untergangs“ der DDR und meinen Erlebnissen in der frisch reformierten SED zur damaligen PDS, wandte ich mich weitestgehend von politischen Themen ab, stand zunächst die Bewältigung persönlicher Probleme im Vordergrund. Politik interessierte zwar durchaus, aber ein Gefühl der Ohnmacht erzeugte Resignation. Ein langer Reifeprozess war nötig, um mich aus dieser Lethargie zu befreien.

Mein Interesse an Geschichte brachte in den vergangenen Jahren einige Erkenntnisse. Die Schriften Kurt Gossweilers haben mich erkennen lassen, dass Lügen mein Geschichtsbild bestimmen – gerade die in der DDR verbreiteten. Schwerpunkt hier vor allem der Stalinismus, aber auch der Umgang mit der preußischen Geschichte  ließ mich die angewandten Konstruktionen und Mechanismen erkennen und führten dazu, dass Politik wieder einen größeren Platz in meinem Leben einnimmt.

Auf der Suche nach einer politischen Heimat beginne ich nun wieder Parteiprogramme und Veröffentlichungen zu studieren, zu vergleichen …