Stalinismusdebatte – dieses Mal Wolkogonow

Während des Urlaubs nutzte ich die Zeit um die „politischen Porträts“ – so der Autor – von Lenin, Stalin und Trotzki zu lesen. Ich las nicht in der Reihenfolge des Erscheinens der einzelnen Bände, sondern begann mit dem Buch über Lenin. Diesen Band schrieb Wolkogonow als letzten. Am Ende war es die richtige Entscheidung, denn im Leninband war die Metamorphose Wolkogonows vom Politoffizier und Kommunisten, Lehrer an der Politakademie der Sowjetarmee und Generaloberst zum glühenden Verehrer Gorbatschows und Verfechter von „Glasnost“ und „Perestroika“ abgeschlossen. Wolkogonow war nunmehr nicht nur Antistalinist, sondern ebenso Antileninist, Antikommunist, Reformist. Der Genosse Generaloberst outete sich als glühender Verehrer Kautskys, Bersteins, Plechanow und Axelrods und schwärmte vom „erfolgreichen Weg“ der westeuropäischen Sozialdemokratie.

Diese Ausführungen halfen mir, den Stalinband mit dem erforderlichen Abstand zu lesen. Es zeigte sich am Ende, dass die Ausführungen Kurt Gossweilers nur allzu wahr sind:

Natürlich gibt es dafür viele Gründe. Ein ganz wichtiger ist nach meiner Überzeugung der: der Revisionismus trat lange Zeit stets als Anti-Revisionismus, als Verteidigung des Leninismus gegen dessen angebliche Verfälschung durch Stalin auf. Erst als sein Zerstörungswerk so gut wie vollendet war, legte Gorbatschow die Maske des Kommunisten, des Leninisten ab und bekannte sich öffentlich als Sympathisant der Sozialdemokratie, also als Antikommunist und Anti-Leninist. Der Anti-Stalinismus war aber von Anfang an seinem Wesenskern nach – Antileninismus, Antimarxismus, Antikommunismus.

K. Gossweiler, in „Die Überwindung des Anti-Stalinismus – Eine wichtige Voraussetzung für die Wiederherstellung der kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Bewegung“ siehe Downloads/Gossweiler/Stalinismusdebatte 1

Ich will hier nur einige Belege für diesen direkten Angriff auf Lenin anführen, womit sich die tatsächliche Ausrichtung des Antistalinismus Wolkogonow offenbart:

In seinem Buch Stalin  verteidigte er noch Lenin gegen den angeblich machtbesessenen Tyrannen und das – so wortwörtlich – „Monster” Stalin (S. 114). Lenin dagegen war der alles überragende Stratege und Theoretiker – so Wolkogonow damals. Er schrieb z.B.:
„Lenin stand in intellektueller Hinsicht so hoch über seinen Mitkämpfern, dass seine Gedanken ihr Bewusstsein oft nicht erreichten.” (S. 128) (1)

Im Leninband dann ganz andere Töne: Lenin war in jungen Jahren ein reicher, adeliger Müßiggänger und Bohemien (S. 54), der sich den Luxus vielfältiger Europareisen leisten konnte (S. 52), seine angenehmen Exiljahre vor allem mit Faulenzerei und Sommerurlauben in der Schweiz und auf Capri verbrachte und als über Vierzigjähriger „immer noch auf Kosten der Familie” lebte (S 56).

Lenin sei Repräsentant einer „grausamen Philosophie” (S. 311), eines „zynischen und vulgären Pragmatismus” (S.466) gewesen, mit den Augen eines „bösen Wolfes” (S. 23); er war ein Vaterlandsverräter (S. 23), wegen seines Radikalismus selbst von den Bolschewiki gefürchtet (S. 16), der im Oktober 1917 „die Massen fanatisch zu einem Aufstand gegen die Provisorische Regierung trieb”. (S. 16). Dieser einst von Wolkogonow als intellektuelles Genie gepriesene Lenin „verflachte” den Marxismus „zu einem „Katechismus des Klassenkampfs”. (S. 46).

Sah Wolkonow noch wenige Jahre zuvor Stalin als „Abweichler” vom Pfad der Leninschen Tugend, so ist für ihn nur wenig später Lenin selbst der Urheber allen Übels, aller erdichteten und wahren Fehler und Verbrechen, die zum Schreckgespenst eines angeblichen „Stalinismus” aufgeblasen wurden und werden: „Lenin lehrte Stalin Erbarmungslosigkeit, Unnachgiebigkeit, List, Zielstrebigkeit und die Fähigkeit mit den Parteikadern zusammenzuarbeiten. Stalin erwies sich als gelehriger Schüler.” (S. 287)

Wolkogonow, immerhin Dozent für Geschichte an der Lenin-Akademie, agiert in seinen Büchern auch nicht als Historiker. Obwohl er nach 1990 einer der ersten war, der angeblich Zugang zu den verschlossenen Archiven von Militär, Partei und Staat hatte (abgesehen davon, dass er wohl bereits vorher aufgrund seiner militärischen und poltischen Funktionen Studien in diesen Archiven betreiben durfte), bezieht er doch wenige historische Dokumente in seine Bücher ein. Meist persönliche Briefe, Einzelschicksale, Meinungen, keine Daten, Zahlen und Fakten. Wolkogonow selbst bezeichnet seine Bücher auch nicht als Biographien, stattdessen als „politische Porträts“. Dieser Trick gestattet es ihm an zahlreichen Stellen zur Prosa, statt gesicherten Fakten überzugehen. Besonders um seiner Meinung nach existierende Charaktereigenschaften seiner „Haupthelden“ aufzuzeigen: die „Verschlagenheit“ Lenins, die „Bosheit“ Stalins“ usw. können nur mit Hilfe dieses Stilmittels herausgearbeitet werden.

Wolkogonow verfolgt den Zeitgeist und beweist, das mit Hilfe des Antistalinismus nicht nur Stalin und in Folge dessen auch Lenin diskreditiert werden soll. Ziel ist es vielmehr die kommunistische Bewegung, den Roten Oktober und die Sowjetunion anzugreifen, als Fehltritt der Geschichte zu kennzeichnen. Am Ende jede soziale Revolution zu diskreditieren …

Gundermann – Lieder einer Zeit

Heute vor 20 Jahren starb Gerhard Gundermann, 42 wurde er. Ich entdeckte ihn erst nach dem Ende unseres Heimatlandes. Vieles was er in den 90ern besang sprach – und spricht – mir aus der Seele. In einem seiner letzten Lieder (Nach Norden) fragt Gundermann:

Und ich frag mich, was ich bin, was ich war
in der Suppe das Salz oder das Haar
ich schwimme mittendrin in meinem alten Hemd
gehöre noch dazu und bin schon ziemlich fremd

In Erinnerung an „Gundi“ eines seiner besten Lieder: Hier bin geboren.

 

 

hier bin ich geborn
wo die Kühe mager sind wie das Glück
hier hab ich meine Liebe verlorn
und hier krieg ich sie wieder zurück

hier liegt mein Vater unter Erde
meine Mutter liegt aufm Balkon
hier frisst mir eine Kinderherde
die letzten Haare vom Ballon
hier sind wir alle Brüder und Schwestern
hier sind die Nullen ganz unter sich
hier isses heute nicht besser als gestern
und ein Morgen gibt es hier nicht

hier hab ich meine letzten Freunde beleidigt
harte herzen zu butter getanzt
hier hab ich junge Pioniere vereidigt
und Weihnachtsbäume gepflanzt
hier habe ich meine Leichen im Keller
wir spielen ‚Mensch ärger dich nicht‘
hier krieg ich immer nur einen halbvollen Teller
an einem runden Tisch

hier gab es billigen Fusel auf Marken
und genauso sehn wir heute auch aus
hier lässt man Fremde nicht gerne parken
es sei denn, sie geben einen aus
hier drehe ich meine Kreise
wie ein fest verankertes Schiff
hier führt mich meine Reise
nicht weit aber tief

hier bin ich geborn
so wie ins Wasser fiel der Stein
hier hat mich mein Gott verloren
und hier holt er mich wieder ein

Das Ende der liberalen Weltordnung

Die „liberale Weltordnung“ ist perdu, futsch, Geschichte. Das behaupte nicht ich, sondern Richard Haass, Präsident des „Council on foreign Relations“. Einer der führenden neoliberalen Meinungsmacher in der Welt also. Natürlich bedauert Mr. Haas diesen Umstand und findet auch Verursacher: neben Russland, China und der EU(? Was haben die gegen die ach so menschliche, „liberale“ Weltordnung us-amerikanischer Prägung eigentlich getan?) wird v.a. Donald Trump verantwortlich gemacht.

Es geht nicht darum, die USA für Kritik zu kritisieren. Die anderen Großmächte von heute, einschließlich der EU, Russlands, Chinas, Indiens und Japans, könnten dafür kritisiert werden, was sie tun, nicht tun oder beides. Aber die USA sind nicht nur ein anderes Land. Es war der Hauptarchitekt der liberalen Weltordnung und ihr Hauptunterstützer. Es war auch ein Hauptbegünstigter.

Amerikas Entscheidung, die Rolle, die sie seit mehr als sieben Jahrzehnten gespielt hat, aufzugeben, ist somit ein Wendepunkt. Die liberale Weltordnung kann nicht alleine überleben, weil anderen entweder das Interesse fehlt oder die Mittel, um sie aufrechtzuerhalten. Das Ergebnis wird eine Welt sein, die für Amerikaner und andere gleichermaßen weniger frei, weniger wohlhabend und weniger friedlich ist.

Starke Sätze die hier geschrieben werden. Abgesehen davon, dass sie verlogen und demagogisch sind. Für wen wurde die Welt durch die „liberale Weldordnung“ denn frei, wohlhabend und friedlich? Die Menschen z.B. in Syrien, Lybien, Irak oder Afrika werden sicherlich eine völlig andere Wertung treffen.

Aber sei es drum, interessanter scheint mir, dass Mister Haass den Präsidenten der USA für den „Tod“ dieser zutiefst us-amerikanischen „Weltordnung“ verantwortlich macht. Für das Sterben des amerikanischen Imperiums ist also Donald Trump verantwortlich. Soweit decken sich meine Gedanken mit dem Chef eines der größten neoliberalen Think tanks sogar, wenn mMn Trump auch lediglich der Bestatter derselben ist, das Grab wurde durch andere ausgehoben …

Betrachten wir die außenpoltischen Aktivitäten des US-Präsidenten in den vergangenen 1,5 Jahren fällt auf, mit welch brutalen Schlägen „traditionelle Verbündete“, also Vasallen, bedacht werden:

  • Kündigung des „Freihandelsabkommens“ TPP. Asiatische „Verbündete“ und Australien betroffen
  • Trump stellt die NATO in Frage (als nachteilig für die USA). Horrende Forderungen an die EU. Ergebnis: man geht an den Aufbau einer „europäischen Verteidigungsarmee“, außerhalb der NATO. Wobei ich hier meine Zweifel habe, ob dieses Projekt realisierbar ist. Am Beispiel der Bundeswehr kann man erkennen, wie stark diese Armee kastriert wurde. Eine Folge der auf Interventionismus setzenden deutschen Aussenpolitik.
  • Kündigung von NAFTA, Kanada und Mexiko kriegen ihr Fett weg
  • Ausstieg aus dem Klimaabkommen. Stinkefinger an die ganze Welt
  • Kündigung des Iran-Deals. Ein Hieb v.a. gegen die EU
  • Europa soll auf Northstream 2 verzichten und stattdessen lieber amerikanisches Fracking-Gas kaufen. Kampfansage an die EU u.v.a. Deutschland
  • die Verlegung der us-amerikanischen Botschaft in Israel nach Jerusalem empört die gesamte arabische Welt (bis auf die Saudis und deren Schoßhündchen).

Das ist aus dem Handgelenk das was Trump während seiner Amtszeit gemacht hat …

Aussen- und wirtschaftspolitisch wird durch Trump ganze Arbeit geleistet und das Ziel scheint die Isolation der USA zu sein, Rückzug auf die „innere Linie“ um den kompletten Untergang zu verhindern …