Gundermann – Lieder einer Zeit

Heute vor 20 Jahren starb Gerhard Gundermann, 42 wurde er. Ich entdeckte ihn erst nach dem Ende unseres Heimatlandes. Vieles was er in den 90ern besang sprach – und spricht – mir aus der Seele. In einem seiner letzten Lieder (Nach Norden) fragt Gundermann:

Und ich frag mich, was ich bin, was ich war
in der Suppe das Salz oder das Haar
ich schwimme mittendrin in meinem alten Hemd
gehöre noch dazu und bin schon ziemlich fremd

In Erinnerung an „Gundi“ eines seiner besten Lieder: Hier bin geboren.

 

 

hier bin ich geborn
wo die Kühe mager sind wie das Glück
hier hab ich meine Liebe verlorn
und hier krieg ich sie wieder zurück

hier liegt mein Vater unter Erde
meine Mutter liegt aufm Balkon
hier frisst mir eine Kinderherde
die letzten Haare vom Ballon
hier sind wir alle Brüder und Schwestern
hier sind die Nullen ganz unter sich
hier isses heute nicht besser als gestern
und ein Morgen gibt es hier nicht

hier hab ich meine letzten Freunde beleidigt
harte herzen zu butter getanzt
hier hab ich junge Pioniere vereidigt
und Weihnachtsbäume gepflanzt
hier habe ich meine Leichen im Keller
wir spielen ‚Mensch ärger dich nicht‘
hier krieg ich immer nur einen halbvollen Teller
an einem runden Tisch

hier gab es billigen Fusel auf Marken
und genauso sehn wir heute auch aus
hier lässt man Fremde nicht gerne parken
es sei denn, sie geben einen aus
hier drehe ich meine Kreise
wie ein fest verankertes Schiff
hier führt mich meine Reise
nicht weit aber tief

hier bin ich geborn
so wie ins Wasser fiel der Stein
hier hat mich mein Gott verloren
und hier holt er mich wieder ein

Zitat des Tages – Jürgen Kuczynski

Bild: Günter Prust 1997

Wie schlecht hat sich wieder das deutsche Volk – diesmal auf dem Boden der DDR – bewährt. Ein so großartiger Anfang im Oktober und noch zum Teil im November auf dem Boden des Sozialismus – und jetzt der Übergang zum Kapitalismus bei den Wahlen! Offenbar sind wir wirklich unfähig zu einer wahren Revolution aus eigner Kraft: 1848, 1918, 1989/90. Wie anders England, Frankreich, Russland und auch die USA!

„Ein hoffnungsloser Fall von Optimismus? Memoiren 1989 – 1994“ S.26

Ein Freund aus alten Tagen machte mich auf das Buch aufmerksam, erinnerte mich an eine meiner Äusserungen aus jener Zeit, die – wenn auch deutlich drastischer formuliert und auf die „deutschen Intellektuellen“ bezogen – der von Jürgen Kuczinski sehr ähnlich war …

 

Zitat des Tages – Malcom.Z zur Flaschenpost

Flaschenpost ist eine Nachrichtentechnik aus uralten Zeiten und also hochmodern. Isolierte, auf entfernten Eiländern Gestrandete, umgeben von einem unendlichen, unüberwindlichen, sie von ihrem eigentlichen Leben trennenden Ozean, warfen ihre Überlebensbotschaft in diesen Ozean. In der Hoffnung, sie träfe auf Menschen. Irgendwie, irgendwann, irgendwo. Warum auch sonst sollten sie sie abgeschickt haben? Der Legende nach hofften die Postversender auch auf Abholung von diesem Eiland. Dafür gibt es aber kaum Belege. Was jedenfalls belegt ist: Daß der Mensch das Bedürfnis hat, Nachricht von sich zu geben. Wo er sei und warum und was ihm und den anderen geschehen ist. Und was er darüber denkt.

Dieser Text gibt Nachricht von Gestrandeten. Nicht in der Südsee, nicht im Atlantik, nicht in der Karibik. Irgendwo in der Deutschen Demokratischen Republik, die ihnen verschwunden wurde wie damals dem Österreicher Österreich, was nicht öffentlich gesagt werden darf, und die Gestrandeten also umgeben sind von einem Ozean: aus Ignoranz, Verblödung, Unwissen, Gemeinheit, Diäten- und anderer Prostitution, Verbrechen, Lese- und Verstehensunfähigkeit, unterwürfigstem Untertanentum in der Pose der freiheitlichsten Freiheit überhaupt.

Die derart Gestrandeten haben keinerlei Hoffnung auf Rettung! Das soll so. Diese kann also nicht das Motiv sein. Nicht einmal darauf, verstanden zu werden. Nicht von den Zeitgenossen, nicht von den Nachbarn, nicht von ehemaligen Kollegen, nicht von den Weibern, nicht von den Kerlen, schon gar nicht von Kindern und Enkeln. Auch das soll genau so. Denn Verstehen ist auch eine gesellschaftliche Vereinbarung. Eine Gesellschaft, der man verbietet, sich zu vereinbaren, kann sich nicht mehr verstehen. Menschen, die sich nicht mehr verstehen können sollen, verunmöglicht man, sich zu vereinbaren. Man muß nicht immer, nicht alles, nicht unbedingt verbieten: Man diktiert ihnen Vereinbarungen, die Vernünftige gar nicht verstehen können: Grundgesetz, BGB, Bibel, Blöd, super-blödu, Präambel provunG mitsamt Amtseidsschlußsatz, § 176 StGB, Gauck-Reden, verkehrsrandalierende Suff-Bischöfinnen und Zwangsprosituierte mißbrauchende Koksdealer als Staats- und TV-Obermoralisten und den Jesus-Schnulzen-Sänger Xavier Naidoo. Und ansonsten wird Englisch gesungen und so getan als spräche man international mit Vokabeln wie „Handy“, „public viewing“, „Pro-Russen“, daß positive Moralbotschaften, falls sie doch mal zu hören sind, nicht mehr verstanden werden.

Und doch senden sie, die in der einheimischen Fremde Gestrandeten, da sie sich nicht in diese Gefahr begaben, sondern diese mörderische Fremde sie ungebeten heimsuchte und zwangseilandisierte, ihnen ihr schönes Leben unter dem Arsch wegzuziehen, ihre Flaschenpost. Übergeben diese an den Ozean der Dummheit und Verblödung, des Pornokrawalls und des Lynchgebets, der Raffzügigkeit und Strafgier, des Fernsehmißbrauchs und der Opiumfürsvolküberproduktion. 300% und es gab keine Talk­show und keine Volksverhetzung, keinen Wahlkrampf und keine Bumspräserernennung, die nicht stattfand. Und doch hoffen sie auf Reste von Verstand und Verstehen.

Der Mensch ist fast das Kleinste und Schutzloseste auf irgend einem entfernten Eiland. Und das Entfernteste und Einsamste, wenn niemand von ihm weiß. Und kann doch ganze Ozeane überwinden und durchdringen, nur mit ein wenig Papier und dieser Uralt-Kulturtechnik. Und wenn es nur ein vor der jeweiligen Gestapo verstecktes Tagebuch ist. Damals in Amsterdam das der Anne und Klemperers in Dresden, heute das des DDR-Bürgers irgendw0 oder eines anderen Unbekannten in Europa und der Welt. Wenn er etwas Menschliches mitzuteilen hat, was niemand sonst weiß, und er oder sie es auch mitteilen kann. Weil diese oder dieser eine nicht ein zweites Mal lebt. Und sei es nur die Botschaft, daß es sie oder ihn noch gibt, den Menschen, und er noch ein solcher und sich selbst und dem Leben treu geblieben ist. Womöglich gibt er der einen Eiländerin oder dem anderen Eiländer ein kleines Stück Hoffnung zurück, daß der Mensch überleben kann. Und zwar als wahrhaftiger Mensch.

Und daß das Verbindende zwischen den Menschen wieder hergestellt werden und heilen kann. Zwischen Nachbarn und Kollegen, Eltern und Kindern. Geld macht eben nicht glücklich. Und nicht menschlich. Und Kriege machen es schon gar nicht. Nicht die international-weltweiten, nicht die zwischen den Wohnungs- und Hausnachbarn

Malcom.Z „Der Stählerne“, Einleitung

Beschreibung einer (meiner) Befindlichkeit, schöner ausformuliert als es mir je möglich wäre …