Literaturtipp – Warum schweigen die Lämmer? – Prof. Mausfeld

Mausfeld nun endlich als Buch. Seine Vorträge erreichten bei Youtube Rekordzahlen und der Psychologe erlangte durch die Videomitschnitte Popularität um die ihn so mancher „Popstar“ und Politiker beneiden dürfte. Auch ich habe beide Videos und die Transkripte der Vorträge hier im Blog verlinkt …

Für das Buchprojekt scheint Prof. Mausfeld seine Vorträge überarbeitet zu haben. Verständlicher, weniger akademisch formuliert. Dem Inhalt und dem (bisherigen) Lesevergnügen meinerseits tat das keinen Abbruch. Eine Rezension will (und kann) ich jedoch nicht schreiben, dazu ist das Thema zu komplex, das Buch zu umfassend.

Neben seinen beiden Vorträgen („Warum schweigen die Lämmer?“ und „Die Angst der Machteliten vor dem Volk“ ) bietet das Buch diverse Interviews, u.a. mit den Nachdenkseiten und Paul Schreyer. Lesenswert und trotz der vielfältigen Möglichkeiten der elektronischen Verbreitung in Buchform ein Qualitätssprung …

Telepolis veröffentlichte bereits am 02.10.18 ein Interview mit Prof. Mausfeld zum Buch. Aus diesem Buch stammt folgendes Zitat:

Aus Sicht der Herrschenden diente die Demokratie fast immer lediglich zur Revolutionsprophylaxe. Auch ist es ein historisches Faktum, dass die Einführung der repräsentativen Demokratie historisch der Demokratieabwehr diente …
 … Die Einführung der repräsentativen Demokratie diente von Beginn an der Sicherung der Eigentumsordnung und der Erzeugung einer Illusion von Demokratie durch Etablierung einer Elitendemokratie. Diese Ideologie einer Elitendemokratie durchzieht als Mittel einer Demokratieverhinderung das gesamte vergangene Jahrhundert bis heute.
Eigentlich sollte leicht zu erkennen sein, dass die Idee politisch umfassend kompetenter, rationaler und dem Allgemeinwohl verpflichteter Eliten nicht mehr als eine Phantasie selbstdeklarierter Eliten ist. Mit dieser ideologischen Fiktion wollten sie die politische Entmündigung des „dummen“ Volkes rechtfertigen. Auch die politischen Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte belegen noch einmal, dass, in den Worten von Ingeborg Maus, die Bürger zumeist keineswegs den Grad politischer Dummheit aufweisen, der dem der politischen Funktionseliten auch nur annähernd gleichkäme.
Bei nüchterner Evaluation der Realitäten und der – vor allem langfristig – desaströsen zerstörerischen Folgen der Ideologien von Elitedemokratie und Neoliberalismus, müssen diese Ideologien wohl als so grundlegend gescheitert angesehen werden wie kaum eine gesellschaftliche Ideologie zuvor. Da sie sich jedoch jeder demokratischen Kontrolle entzogen haben, werden sie, solange es das „dumme“ Volk duldet, ihr soziales und ökologisches Zerstörungswerk weiter fortsetzen.
In einem Punkt allerdings Rainer Mausfeld widersprechen: gerade die in seinen Vorträgen aufgezeigte historische Kontinuität der Demokratieverhinderung zeigt, dass es sich hierbei nicht um ein neuzeitliches Phänomen handelt, vielmehr klares Kennzeichen der Klassengesellschaften ist. In diesem Sinne ist die Demokratie auch nicht erst in den vergangenen Jahrzehnten „ausgehöhlt“  und durch eine „Illusion der Demokratie“ ersetzt worden. Sie hat nie existiert, lediglich die Mittel zur Erzeugung der Illusion änderten sich bzw. die Einsicht, dass Unterdrückung und Ausbeutung mit Mitteln der Manipulation und Erzeugung eben dieser Illusion billiger zu realisieren ist als durch nackte Gewalt musste heranwachsen.
Viel mehr noch: seit dem Zusammenbruch des Sozialismus und der Agonie der kommunistischen Bewegung in weiten Teilen der Welt scheint die Aufrechterhaltung der Illusion immer weniger notwendig zu sein, der Weg der nackten Gewalt scheint wieder zu einer Alternative zu sein …

Vincenz Müller und Wehrmachtsoffiziere in der NVA

Eines der „großen Geheimnisse“ und Beleg für die fehlende Dankbarkeit der SED für Offiziere der Wehrmacht, die als Spezialisten beim Aufbau der KVP und der NVA tätig waren, gilt der Fall des ehemaligen Generals der Wehrmacht und der NVA Vincenz Müller. Die Faktenlage scheint klar, denn immerhin widmete der (west)deutsche Historiker Lapp Müller ein Buch („General bei Hitler und Ulbricht – Vincenz Müller eine deutsche Karriere“, ISBN 978-3861532866) und auf Grundlage dieses Buches wurde gar ein Fernsehfilm produziert.

Bei Diskussionen ehemaliger Angehöriger der NVA bringt man dem Fakt der Entlassung Müllers aus der NVA und der damit verbundenen „Säuberung“ von ehemaligen Generalen und Offizieren der Wehrmacht herrscht die o.a. Meinung vor: Undankbarkeit seitens der Staatsführung der DDR, Unverständnis für den rigorosen Schritt, der Ende der 50er Jahre vollzogen wurde.

Inzwischen kommt allerdings die der Sympathie für die DDR und ihre Geschichte gänzlich unverdächtige Wikipedia nicht umhin, Gründe dafür zu nennen:

Sämtliche westlichen Nachrichtendienste interessierten sich für ihn und ehemalige Kameraden besuchten ihn 1952 in Ostberlin auch im Auftrag der „Organisation Gehlen“.[13] Über Kontakte, die er zu alten Kameraden – vor allem nach Bayern – hatte, traf er 1955 und 1956 im Auftrag der DDR-Regierung den damaligen Bundesfinanzminister Fritz Schäffer (CSU) in Ostberlin und führte Gespräche über die Chancen einer deutsch-deutschen Verständigung mit dem Ziel einer Konföderation. Müller deutete einen bevorstehenden Sturz Ulbrichts und die Möglichkeit eines wiedervereinigten Deutschlands an, das aber so neutral wie Österreich sein solle.

Diese Begründung und die Hintergründe deutlich stärker ausleuchtend nennt auch Kurt Gossweiler für die Entlassung Müllers. Er schreibt u.a.:

Lapp hat also in den DDR-Akten den dokumentarischen Beweis dafür gefunden, dass “auf sowjetisches Betreiben hin” (und das war 1955/56 Chruschtschow, und nicht mehr, wie 1953, Berija!) Walter Ulbricht verhaftet und die DDR-Regierung gestürzt werden sollte, und dass Vincenz Müller zu denen gehörte, die dazu ausersehen und bereit waren, diesen konterrevolutionären Staatsstreich auszuführen. Da dies der DDR-Führung bekannt geworden war, kann deren – von
Prokop in seiner Rezension berichteten – Reaktion eigentlich nur durch ihre Zurückhaltung überraschen: V. Müller wurde im Dezember 1957 vom Dienst suspendiert und am 28. Februar 1958 pensioniert. Die Vorwürfe gegen ihn beschränkten sich darauf, er habe ZK-Beschlüsse verletzt, gegen die führende Rolle der SED in der NVA opponiert, seine parteiliche und dienstliche Stellung in der Nationalen Volksarmee missbraucht, er habe eine eigene Politik betrieben und auf Untergebene zersetzerisch gewirkt.

Das entsprechende Schriftstück gehört zu den auf der Webseite Gossweilers veröffentlichten Dokumenten. Ich habe mir ja vorgenommen, nach und nach diese Dokumente in „lesbarer“ Form als PDF-Dateien zur Verfügung zu stellen.

Ihr findet dieses interessante Dokument unter Downloads/Weltanschauung/Gossweiler …

#aufstehen II – Gründungsaufruf

Der mediale Rummel um die Gründung von #aufstehen nahm immer mehr zu. Er wird wohl weiter zunehmen, denn heute war es soweit: in einer Bundespressekonferenz wurde nunmehr die Gründung der „sozialen Bewegung“ #aufstehen verkündet. Inzwischen ist auch der Gründungsaufruf veröffentlicht und es kam wie ich bereits befürchtete: Beschränkung auf die „Verbesserung“ des Kapitalismus in dem wir leben, Umverteilung, „Sozialstaat“, Reformen.

Sicherlich ist es richtig, dass ein Politikwandel stattfinden muss, aber mit zahnlosen Aufrufen und „Bewegungen“ sind diese Ziele mMn nicht erreichbar. Mit „demokratischen Wahlen“ wohl auch nicht.

Einige Punkte die mir bereits in der Einleitung sauer aufstießen:

Das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft, dass jeder, der sich anstrengt, auch zu Wohlstand kommen kann, gilt im Zeitalter von Leiharbeit und Niedriglohnjobs nicht mehr.

Gab es das jemals? Aufstieg durch Fleiß und Arbeit? Klingt nach dem „amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär“, nicht nach Realität.

Seit der Sozialstaat keine ausreichende Sicherheit mehr gibt,

Der „Sozialstaat“ als solcher existierte nie. Entstanden aus der Politik Bismarcks zur Bekämpfung der damals revolutionären Sozialdemokratie wurde ein rudimentäres Sicherungssystem etabliert. Stichwort: Mit Zuckerbrot und Peitsche! In den 70er und 80er Jahren dann in harten Arbeitskämpfen ausgebaut, auch begründet durch die Existenz der sozialistischen Staaten.

Wir wollen die Politik zurück zu den Menschen bringen. Und die Menschen zurück in die Politik. Denn wir sind überzeugt: nur dann hat die Demokratie eine Zukunft.

Die „Demokratie“ westlicher Prägung hat nicht einmal eine Vergangenheit, jedenfalls wenn man das Wort Demokratie ernst nimmt („Macht des Volkes“). Ich empfehle dazu Professors Mausfelds „Warum schweigen die Lämmer?“ (Transkript findet ihr hier).

Bereits hier möchte ich schließen. Den Gründungsaufruf findet ihr bei aufstehen.de .

Mein Verhältnis zur „Bewegung“ ist ausgesprochen zerrissen. Einerseits sehe ich durchaus die Notwendigkeit, einen Politikwechsel in Deutschland zu erreichen, andererseits ist mir (inzwischen auch durch den Gründungsaufruf dokumentiert) Ziel und Inhalt zu „verwaschen“.

Allerdings schrieb Lenin in „Der „linke Radikalismus“, Kinderkrankheit des Kommunismus“ (hier setze ich  #aufstehen mal mit Gewerkschaften gleich):

Gerade die absurde „Theorie“, wonach sich die Kommunisten an den reaktionären Gewerkschaften nicht beteiligen dürfen, zeigt am deutlichsten, wie leichtfertig sich diese „linken“ Kommunisten zur Frage der Beeinflussung der „Massen“ verhalten und wie sie mit ihrem Geschrei von den „Massen“ Mißbrauch treiben. Will man der „Masse“ helfen und sich die Sympathien, die Zuneigung, die Unterstützung der „Masse“ erwerben, so darf man sich nicht fürchten vor Schwierigkeiten, darf man sich nicht fürchten vor den Schikanen, den Fußangeln, den Beleidigungen und Verfolgungen seitens der „Führer“ (die als Opportunisten und Sozialchauvinisten in den meisten Fällen direkt oder indirekt mit der Bourgeoisie und der Polizei in Verbindung stehen) und muß unbedingt dort arbeiten, wo die Massen sind. Man muß jedes Opfer bringen und die größten Hindernisse überwinden können, um systematisch, hartnäckig, beharrlich, geduldig gerade in allen denjenigen – und seien es auch die reaktionärsten Einrichtungen, Vereinen und Verbänden Propaganda und Agitation zu treiben, in denen es proletarische oder halbproletarische Massen gibt.

Lenin, Werke Bd.31

Stoff zum Nachdenken …