Zitat des Tages – Jürgen Kuczynski

Bild: Günter Prust 1997

Wie schlecht hat sich wieder das deutsche Volk – diesmal auf dem Boden der DDR – bewährt. Ein so großartiger Anfang im Oktober und noch zum Teil im November auf dem Boden des Sozialismus – und jetzt der Übergang zum Kapitalismus bei den Wahlen! Offenbar sind wir wirklich unfähig zu einer wahren Revolution aus eigner Kraft: 1848, 1918, 1989/90. Wie anders England, Frankreich, Russland und auch die USA!

„Ein hoffnungsloser Fall von Optimismus? Memoiren 1989 – 1994“ S.26

Ein Freund aus alten Tagen machte mich auf das Buch aufmerksam, erinnerte mich an eine meiner Äusserungen aus jener Zeit, die – wenn auch deutlich drastischer formuliert und auf die „deutschen Intellektuellen“ bezogen – der von Jürgen Kuczinski sehr ähnlich war …

 

Semitischer Antisemitismus – Moshe Machover

Bild von pinterest

Die dümmlichen Auseinandersetzungen in der Partei die sich „Die Linke“ nennt, die idiotischen Stellungnahmen und Aktionen der sogenannten „Antideutschen“, das Querfrontgequatsche, kurz die leicht zu durchschauende Taktik, Israelkritik zu Antisemitismus, Kapitalismuskritik zu Antiamerikanismus, jede Sozialkritik zu Nationalismus „umzulabeln“, nimmt allmählich groteske Züge an. Dabei äußern sich durchaus auch Semiten, Juden und Araber, kritisch zur Politik der israelischen Regierung. In der „Jungen Welt“ vom 07.02.18 nimmt in einem Interview der Philosoph und Mathematiker Moshe Machover dazu Stellung:

Die gesamte Linke, besonders die jüdische in Europa und den USA, ist zur Zielscheibe geworden, weil Israel derzeit weltweit einen drastischen Sympathieverlust erlebt. Rund um den Globus werden immer mehr Menschen Zeugen der Abscheulichkeiten, die die israelische Militärdiktatur in den Palästinensergebieten zu verantworten hat: Die Besiedlung von geraubtem Land,
Wasserdiebstahl, das Erschießen von Demonstranten, ethnische Säuberung, bisher noch nach der Salamitaktik. Entsprechend agiert die israelische Propaganda, Hasbara, mit allen Mitteln, fairen wie schäbigen. Zu den schmutzigsten Waffen gehört, die Kritiker mit der Bezeichnung »Antisemiten« zu besudeln.

Die meisten zionistischen Ideologen spielen die Karte von den palästinensischen Arabern, die einfach so Juden hassen und angeblich an den jüdischen Israelis einen »zweiten Holocaust« verüben wollen. Es gibt eine lange Tradition der Kolonialherren, sich selbst als unschuldige Opfer des völlig grundlosen mörderischen Blutrauschs der barbarischen Eingeborenen zu inszenieren – ein
giftiges Klischee der alten Hollywood-Western. Die zionistische Version ist besonders wirksam, weil sie für den innerisraelischen Diskurs das andauernde jüdische Trauma des Nazi-Judäozids ausschlachtet, so wie es nach außen in der westlichen Welt, vor allem in Deutschland, die latent vorhandenen Schuldgefühle ausbeutet. Jeder Sozialist, jeder fortschrittliche Mensch sollte den Mythen über die als »Aggressoren Kolonisierten« und »Kolonialherren als Opfer« genauso kritisch und peinlich berührt begegnen wie den alten Western.

Wie Fußballspiele können auch politische Kämpfe nicht aus der Defensive heraus gewonnen werden. Wir müssen uns nicht dafür rechtfertigen, dass wir die Grundrechte der Palästinenser verteidigen, und dürfen nicht absurden Antisemitismusvorwürfen nachgeben. Vielmehr müssen wir endlich unsere Gegner für den zynischen Missbrauch zur Rechenschaft ziehen, den sie damit treiben, um die institutionalisierte Unterdrückung und Dienstleistung für den westlichen Imperialismus vor emanzipativer öffentlicher Meinung zu schützen. Vor allem in Deutschland sollten wir der emotionalen Erpressung durch jene offensiv entgegentreten, die niederträchtig und eiskalt den Holocaust der Nazis an den Juden benutzen und Sühne auf dem Rücken des palästinensischen Volkes
einfordern, das Opfer des Staates ist, der vortäuscht, im Namen aller Juden zu handeln. 

 

Zitat des Tages – Malcom.Z zur Flaschenpost

Flaschenpost ist eine Nachrichtentechnik aus uralten Zeiten und also hochmodern. Isolierte, auf entfernten Eiländern Gestrandete, umgeben von einem unendlichen, unüberwindlichen, sie von ihrem eigentlichen Leben trennenden Ozean, warfen ihre Überlebensbotschaft in diesen Ozean. In der Hoffnung, sie träfe auf Menschen. Irgendwie, irgendwann, irgendwo. Warum auch sonst sollten sie sie abgeschickt haben? Der Legende nach hofften die Postversender auch auf Abholung von diesem Eiland. Dafür gibt es aber kaum Belege. Was jedenfalls belegt ist: Daß der Mensch das Bedürfnis hat, Nachricht von sich zu geben. Wo er sei und warum und was ihm und den anderen geschehen ist. Und was er darüber denkt.

Dieser Text gibt Nachricht von Gestrandeten. Nicht in der Südsee, nicht im Atlantik, nicht in der Karibik. Irgendwo in der Deutschen Demokratischen Republik, die ihnen verschwunden wurde wie damals dem Österreicher Österreich, was nicht öffentlich gesagt werden darf, und die Gestrandeten also umgeben sind von einem Ozean: aus Ignoranz, Verblödung, Unwissen, Gemeinheit, Diäten- und anderer Prostitution, Verbrechen, Lese- und Verstehensunfähigkeit, unterwürfigstem Untertanentum in der Pose der freiheitlichsten Freiheit überhaupt.

Die derart Gestrandeten haben keinerlei Hoffnung auf Rettung! Das soll so. Diese kann also nicht das Motiv sein. Nicht einmal darauf, verstanden zu werden. Nicht von den Zeitgenossen, nicht von den Nachbarn, nicht von ehemaligen Kollegen, nicht von den Weibern, nicht von den Kerlen, schon gar nicht von Kindern und Enkeln. Auch das soll genau so. Denn Verstehen ist auch eine gesellschaftliche Vereinbarung. Eine Gesellschaft, der man verbietet, sich zu vereinbaren, kann sich nicht mehr verstehen. Menschen, die sich nicht mehr verstehen können sollen, verunmöglicht man, sich zu vereinbaren. Man muß nicht immer, nicht alles, nicht unbedingt verbieten: Man diktiert ihnen Vereinbarungen, die Vernünftige gar nicht verstehen können: Grundgesetz, BGB, Bibel, Blöd, super-blödu, Präambel provunG mitsamt Amtseidsschlußsatz, § 176 StGB, Gauck-Reden, verkehrsrandalierende Suff-Bischöfinnen und Zwangsprosituierte mißbrauchende Koksdealer als Staats- und TV-Obermoralisten und den Jesus-Schnulzen-Sänger Xavier Naidoo. Und ansonsten wird Englisch gesungen und so getan als spräche man international mit Vokabeln wie „Handy“, „public viewing“, „Pro-Russen“, daß positive Moralbotschaften, falls sie doch mal zu hören sind, nicht mehr verstanden werden.

Und doch senden sie, die in der einheimischen Fremde Gestrandeten, da sie sich nicht in diese Gefahr begaben, sondern diese mörderische Fremde sie ungebeten heimsuchte und zwangseilandisierte, ihnen ihr schönes Leben unter dem Arsch wegzuziehen, ihre Flaschenpost. Übergeben diese an den Ozean der Dummheit und Verblödung, des Pornokrawalls und des Lynchgebets, der Raffzügigkeit und Strafgier, des Fernsehmißbrauchs und der Opiumfürsvolküberproduktion. 300% und es gab keine Talk­show und keine Volksverhetzung, keinen Wahlkrampf und keine Bumspräserernennung, die nicht stattfand. Und doch hoffen sie auf Reste von Verstand und Verstehen.

Der Mensch ist fast das Kleinste und Schutzloseste auf irgend einem entfernten Eiland. Und das Entfernteste und Einsamste, wenn niemand von ihm weiß. Und kann doch ganze Ozeane überwinden und durchdringen, nur mit ein wenig Papier und dieser Uralt-Kulturtechnik. Und wenn es nur ein vor der jeweiligen Gestapo verstecktes Tagebuch ist. Damals in Amsterdam das der Anne und Klemperers in Dresden, heute das des DDR-Bürgers irgendw0 oder eines anderen Unbekannten in Europa und der Welt. Wenn er etwas Menschliches mitzuteilen hat, was niemand sonst weiß, und er oder sie es auch mitteilen kann. Weil diese oder dieser eine nicht ein zweites Mal lebt. Und sei es nur die Botschaft, daß es sie oder ihn noch gibt, den Menschen, und er noch ein solcher und sich selbst und dem Leben treu geblieben ist. Womöglich gibt er der einen Eiländerin oder dem anderen Eiländer ein kleines Stück Hoffnung zurück, daß der Mensch überleben kann. Und zwar als wahrhaftiger Mensch.

Und daß das Verbindende zwischen den Menschen wieder hergestellt werden und heilen kann. Zwischen Nachbarn und Kollegen, Eltern und Kindern. Geld macht eben nicht glücklich. Und nicht menschlich. Und Kriege machen es schon gar nicht. Nicht die international-weltweiten, nicht die zwischen den Wohnungs- und Hausnachbarn

Malcom.Z „Der Stählerne“, Einleitung

Beschreibung einer (meiner) Befindlichkeit, schöner ausformuliert als es mir je möglich wäre …