Gedanken zum 17. Juni 1953

Heute vor 60 Jahren fanden in der damaligen DDR die Ereignisse statt, die in der alten Bundesrepublik als „Volksaufstand“, in der DDR bis 1989 als „faschistischer Putschversuch“ bezeichnet wurden. Nach dem Untergang der DDR und dem gesamten sozialistischen Lager ist die erste Deutung der Ereignisse allgemeiner Konsens, medial immer wieder darstellend, wie „das Volk“ erst von russischen Panzern niedergewalzt werden musste, um den SED-Staat überhaupt am Leben erhalten zu können.

Für mich, geboren 1963 als Sohn eine Offiziers der Grenztruppen, galt lange Zeit die DDR-Sprachregelung als historische Wahrheit, erschüttert wurden diese meine wie in Beton gegossenen Überzeugungen erst nach dem Ende der DDR.

Allemal interessant aber ist, wie die politische Kaste des nunmehr vereinigten Deutschland dieses Tages gedenkt. In der offiziellen Deutung ja ein Tag des Aufbegehrens, des sich Wehrens gegen die „Herrschenden“, liegt da doch eine nicht zu unterschätzende Gefahr als Vorbildwirkung für gegenwärtige und zukünftige Konflikte zwischen Regierungen und ihrem Volk. Die Unterscheidung zwischen guten „Volksaufständen“ wie eben dem 17. Juni 1953 oder auch der „friedlichen Revolution“ 1989/90 die schließlich zur Auflösung der DDR führten und schlechten „Protesten/Demonstrationen“ wie in Stuttgart oder Frankfurt oder auch der Protestbewegung im Wendland ist offensichtlich. Als Vorbild für gegenwärtige Auseinandersetzungen zwischen Regierung und einer – wie auch immer gearteten – Opposition soll dieser Tag auf keinen Fall dienen. Vielleicht wurde ja deshalb der „Tag der deutschen Einheit“ von eben diesem 17. Juni auf den unverfänglicheren 3. Oktober verlegt, dem Tag an dem – durch Regierungsvertreter vertraglich geregelt – die DDR „dem Geltungsbereich des Grundgesetzes“ beitrat.

Was ist denn nun aber tatsächlich geschehen in den Tagen um den 17. Juni 1953 in der DDR? Auch aus heutiger Sicht sehe ich die Ereignisse nicht als „Volksaufstand“, genauso wenig allerdings als „faschistischen Putschversuch“. Die Wahrheit liegt wohl wie immer, irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Begriffen.

Eine interessante Analyse zu den Gründen die am Ende in den Ereignissen des 17. Juni mündeten, fand ich (wieder einmal) bei Kurt Gossweiler. In einem Kapitel seines Buches „Wider den Revisionismus“ zeigt er die Ereignisse auf, die dem Frühsommer 1953 voraus gingen und die schließlich und endlich zu berechtigten Protesten gerade der Arbeiter führten und die , insbesondere in Ostberlin, schließlich auch in politischen Protesten mündeten. Interessant die Sicht Gossweilers auf die Rolle der Sowjetischen Kontrollkommission (Nachfolger der Sowjetischen Militäradminsitration SMAD) und der sowjetischen Staats- und Parteiführung im Vorfeld des 17. Juni. Dieser Artikel ist auch im Web zu finden, daneben weitere Artikel und Stellungnahmen Gossweilers zu historischen Ereignissen und Persönlichkeiten.

Einen weiteren Zeitzeugen gilt es anzuführen: Bertold Brecht. Derselbe schrieb nach den Ereignissen des 17. Juni an seinen westdeutschen Verleger Peter Suhrkamp: „Die Straße aber mischte die Züge der Arbeiter und Arbeiterinnen schon in den frühen Morgenstunden des 17. Juni auf groteske Art mit allerlei deklassierten Jugendlichen, die durch das Brandenburger Tor, über den Potsdamer Platz, auf der Warschauer Brücke kolonnenweise eingeschleust wurden, aber auch mit den scharfen, brutalen Gestalten der Nazizeit, den hiesigen, die man seit Jahren nicht mehr im Haufen hatte auftreten sehen und die doch immer dagewesen ware.“

Nach Brecht waren es weniger die Arbeiter die für Ausschreitungen und Gewalt verantwortlich waren, sondern vor allem die aus Westberlin kommenden und die „Gestalten der Nazizeit“.

Interessant auch die Spiegelung der Ereignisse in der (ost)deutschen Literatur. Vor allem Stephan Hermlins Erzählung „Die Kommandeuse“ wären hier anzuführen oder auch Stephan Heyms „5 Tage im Juni“. Letzteres Buch in der DDR verboten und erst 1974 in der BRD erschienen.

 

Vom heroischen „Volksaufstand“ aber auch vom „faschistischen Putschversuch“ bleiben bei Betrachtung dieser Informationen nicht viel übrig …

 

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