Renazifizierung der BRD

„Keine regelrechte ‚Renazifizierung‘ der Bundesrepublik“ – das findet sich tatsächlich als Zwischenüberschrift im Nachwort des Buches „Die Ämter und ihre Vergangenheit. Ministerien und Behörden im geteilten Deutschland 1949–1972, Verlag Ferdinand Schöningh,Paderborn 2018„. Wenn nicht regelrecht, war die erwähnte „Renazifizierung dann regelwidrig? Stattgefunden hat sie wohl auf jeden Fall …

Otto Köhler hat in der Jungen Welt eine kleine Serie zur frühen Geschichte der BRD veröffentlicht. Im Teil I, erschienen am 28.12.19, verweist er auf da o.a. Buch und macht deutlich, wie sehr die Bonner Republik von und mit hochbelasteten faschistischen Funktionären aufgebaut wurde. Im rezensierten Buch konzentrierte man sich auf das Auswärtige Amt und das Wirtschaftsministerium. Getreu dem Wort Konrad Adenauers: „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat.“ wurden die alten Funktionseliten übernommen und bauten das „demokratische“ Deutschland auf.

Teil 2 der Folgen (Junge Welt vom 31.12.19) steht unter Überschrift „Gehlens Dritter Weltkrieg“ und erinnert an den langjährigen BND-Chef und Generalmajor unter Hitler Reinhard Gehlen. Als Chef der Abteilung Fremde Heere Ost des deutschen Generalstabes seit 1942, verfügte er über entsprechende Erfahrungen und das Know How um den neuen Spionagedienst aufzubauen. Und die Himmelsrichtung seines Tätigkeitsfeldes musste er nicht einmal ändern …

Am interessantesten für mich war der 3. Artikel von Otto Köhlers kleiner Artikelreihe(Junge Welt 09.01.20): „Rettungsdampfer für Hitlers Generalstab“. Die Organisation Gehlen als Zwischenparkplatz für Offiziere und Generale des – laut Alliiertem Kontrollratsbeschlusses verbotenen – Generalstabes. Diese Erkenntnis gewann nicht Köhler, sondern ein gewisser Agilolf Keßellring – Enkel des Generalfeldmarschall Keßelring, sein Vater ehemaliger Vizepräsident des BND. Dazu findet man im Artikel:

Vorangestellt ein Zitat: »Die Organisation Gehlen war die Vorgängerorganisation des Bundesnach-richtendienstes. Doch war sie mehr als ›nur‹ das. Zu seiner Zeit hatte bereits der CIA-Beauftragte Critchfield festgehalten, sie sei das ›Rettungsboot für den untergehenden deutschen Generalstab‹. Doch geht die Bedeutung der in amerikanischen Diensten stehenden Organisation Gehlen über die Funktion eines Auffangbeckens oder eines Ortes der ›Überwinterung‹ ehemaliger Generalstabs-offiziere der Wehrmacht hinaus. Vielmehr wurde der Generalstab in seinen Funktionen und hinsichtlich seiner Fähigkeiten bewahrt und betätigte sich in den Kernbereichen eines solchen: militärpolitische Beratung und militärische Planung.«

Das Zitat steht auf Seite elf des 6. Bandes der Untersuchungen der UHK, der »Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes«.

Es wird deutlich, dass die BRD bewusst und in Massen auf die Funktionseliten des faschistischen Deutschlands zurückgegriffen hat um ihre „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ aufzubauen. Welcher Geist in den Ministerien und Ämtern gelebt wurde und wohl noch gelebt wird. Das ist zwar nicht neu, aber die Artikel Köhlers bieten dem interessierten Leser neue Blickwinkel und eine Kompression der Fakten. Die dargestellten Fakten zieht er aus den Veröffentlichungen Unabhängiger Historikerkommissionen und diversen offiziellen und halboffiziellen Veröffentlichungen.

Ich stelle die Artikel unter Downloads/Geschichte/BRD zum herunterladen bereit.

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