„Das Leben der Anderen“ – ein Gruselmärchen

Als „Gruselmärchen“ bezeichnete der Schriftsteller Christoph Hein den Film „Das Leben der Anderen“ kürzlich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Angesichts der Popularität des Films und seiner Nutzung zur DDR-Dämonisierung ein starkes Stück, dass sich Herr Hein da geleistet hat. Die sich daraus entwickelnde Diskussion nimmt Tobias Riegel auf den Nachdenkseiten unter die Lupe.

„Das Leben der Anderen“ ist kurzweilige Unterhaltung auf hohem schauspielerischen Niveau – aber er ist auch reißerisch, klischeehaft und historisch an zahlreichen Stellen ungenau. Dennoch wurde er durch die zahllosen hymnischen Kritiken zur realistischen DDR-Darstellung verklärt. Durch diesen medialen Chor wurde auch die seit 2006 artikulierte Kritik übertönt und der Film entwickelte sich nahezu ungebremst zu einer bis heute höchst wirkungsvollen DDR-Dämonisierung.

Es ist gut, dass Hein dem endlich etwas entgegensetzt. Er schätzt allerdings auch seinen Wirkungsgrad realistisch ein:

„Der Film wurde ein Welterfolg. Es ist aussichtslos für mich, meine Lebensgeschichte dagegensetzen zu wollen. Ich werde meine Erinnerungen dem Kino anpassen müssen.“ Diese Resignation teilt Hein mutmaßlich mit zahlreichen DDR-Bürgern.

Ich habe den Film nicht gesehen. Ankündigung, Beschreibung und Jubelarien in den einschlägigen Medien genügten mir, um den Film als das „Gruselmärchen“ zu erkennen, als das Hein ihn nun bezeichnet. Allerdings wird dieser Film heute in der Schule als Darstellung der DDR-Realität den heute 15 bis 16-jährigen verkauft.

Verblüffend ist an der Diskussion vor allem die Arroganz der (west)deutschen Journaille die Hein – um dessen Lebensgeschichte es im Film u.a. geht – ob seiner oben geäußerten Meinung maßregelt und ihm lückenhafte bzw. falsche Erinnerungen unterstellt …

Neujahrsgrüße

Das Bild ist vom Emil geklaut ausgeborgt (CC-by-nc-nd 4.0 )

Verspätet wieder einmal, aber …

Also allen Lesern, Kommentatoren und Followern ein gesundes und frohes Jahr 2019. Obwohl ich mich 2018 deutlich weniger hier „produziert“ habe, haltet ihr mir die Treue. Das freut und ehrt mich sehr …

Gute Vorsätze gibt’s wieder nicht, Überlegungen und Wünsche schon.

Musiktipp – Keimzeit

Keimzeit 2014 (copyright Dirk Tscherner)

Am 09.11. – tatsächlich an diesem in der deutschen Geschichte so bemerkenwertem Datum – ist Keimzeit mal wieder im Salzwedeler Hanseat. Auf ihrer 2018er Tour widmen sich die Jungs um die Leisegang-Brüder ihrem Album „Irrenhaus“. Mit „Mama, sag mir warum“, „Irrenhaus“, Flugzeuge ohne Räder“ und „Hofnarr“ wurde Keimzeit 1988 bekannt in der DDR. Das Album ein Spiegelbild der Zeit Ende der 80er Jahre.

Die Band tritt regelmäßig im Hanseat auf, kann hier auf eine treue Fangemeinde zählen. Werbung brauch der Auftritt sicher nicht …

An dieser Stelle nun „Singapur“ von der 2010er CD „Land in Sicht“:

 

 

Wir legen ab und fahr’n nach Singapur –
Mit ’nem Schiff aus schäbigem Holz.
Auch wenn der Wind uns das Segel zerreißt –
Wir müssen weiter, immer weiter, was soll’s.

Der Heizer aus China will nach Hause.
Bläst der Wind nicht, kriegt er viel zu tun.
Unsere Weisheiten jagt er durch die Dampfmaschine,
Ist gegen Pocken und Pest immun.
Der Schiffskoch, geboren in Sizilien,
Hat längst die Weltrezeptur erkannt.
Segelnd über die Meere
Trägt er die Botschaft in ein fernes Land.

Der Steuermann nennt sich Napoleon.
Gespalten brüllt er in die Nacht.
Kommt er müde aus der Schlacht wieder zu sich,
Wird das Steuer mit ’nem Strick festgemacht.

Und das Kommando führt ein deutscher Captain.
Sein linkes Bein hat er im Krieg verlor’n.
Lange schon keine Heimat mehr –
Er will in Singapur ein Leben von vorn.

Von der Segelspitze bis zum Kiel –
Auf diesem Schiff haben alle dasselbe Ziel.
All unsere Träume und fernen Gedanken
Fallen in der Nacht mit dem Regen
Auf hölzerne Planken.

Wir legen ab …