Tag der Grenztruppen 2018

Heute vor 72 Jahren nahmen die ersten Grenzer ihren Dienst an den Demarkationlinien der damaligen sowjetischen Besatzungszone auf. Seit den 70er Jahren wurde dieser Tag als Tag der Grenztruppen begangen. Ich möchte auch in diesem Jahr die Grußworte des Vorsitzenden der AG Grenze der GRH für meinen Beitrag nutzen:

Werte Genossinnen und Genossen,
liebe Freunde, die Ihr Eure Biografie und damit Euer aktives Wirken für eine gerechtere und friedliche Zukunft Deutschlands einst und auch bis heute nicht beiseite gelegt habt, seit aus Anlass unseres Grenzertages herzlich gegrüßt! Einst haben wir den Tag der Grenztruppen der DDR festlich begangen, wurden für gute Ergebnisse in der Grenzsicherung/Grenzüberwachung und Aus- und Weiterbildung ausgezeichnet oder befördert. Wir Grenzer empfingen die Glückwünsche von Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft und von Jungen und Alten. Sich daran zu erinnern halte ich nicht für Nostalgie! Ich halte das auch für notwendig mit dem Blick auf die Stimmung vieler Leute heute und im Ergebnis ihrer Erfahrungen hier im Osten im Zusammenhang mit der deutschen Einheit.

Erinnern wir uns: nicht wenige Mitbürger von einst wollten sich plötzlich nicht mehr erinnern oder begannen mit den Wölfen zu heulen. Doch die Zeit bringt zumindest bei den Älteren zunehmend und von den Siegern so nicht kalkulierte neue Einsichten. Die politischen Macher im Lande spüren das und sie versuchen ihrer „Aufarbeitung“ unserer Geschichte eine populärere Richtung zu geben, um ihre schwer in Mitleidenschaft geratene Glaubwürdigkeit wieder ins Lot zu bringen. Dafür opfern sie sogar einen Herrn Hubertus Knabe und Konsorten.

Plötzlich gab es Deindustriealisierung und Ausgrenzung, Enteignung und Ungerechtigkeiten im Osten, die man doch sehen müsse und nicht alles sei damals segenreich gewesen. Von so mancher in Mühen aufgebaute Legende zum Thema DDR-Unrecht und von manchem Eiferer wird man sich nun trennen.

Im dreißigsten Jahr der Wiederkehr der Öffnung der Grenzübergangsstellen der DDR zu Berlin(West) und zur BRD werden wir das erleben.  Die Vorbereitung materieller und propagandistischer Art unter Nutzung des Ereignisses läuft bereits.

Bei unseren Aktivitäten in der IGRA und in unserem Auftreten bei Grenzertreffen und anderen öffentlichen Anlässen sollten wir uns auf die devoteren Spielarten ihrer „Aufarbeitung“ vorbereiten und nicht vergessen: wenn sie zukünftig von der Respektierung der Ost-Biografien reden sollten und zum Beispiel das Totschlagsargument von Tätern und Opfern relatievieren werden, so wird damit die Deligitimierung der DDR und all ihrer Verantwortungsträger nicht aufgegeben, im Gegenteil. Wir stellen eine authentische Betrachtung unserer Geschichte dagegen. Unser IGRA-Archiv liefert die Grundlagen.

In diesem Sinne wünsche ich altersgerechte Gesundheit bei einem  optimistischen Blick voraus, geruhsame Feiertage und einen guten Rutsch in das Jahr 2019,

Frithjof Banisch
Oberst a.D.

Literaturtipp – Warum schweigen die Lämmer? – Prof. Mausfeld

Mausfeld nun endlich als Buch. Seine Vorträge erreichten bei Youtube Rekordzahlen und der Psychologe erlangte durch die Videomitschnitte Popularität um die ihn so mancher „Popstar“ und Politiker beneiden dürfte. Auch ich habe beide Videos und die Transkripte der Vorträge hier im Blog verlinkt …

Für das Buchprojekt scheint Prof. Mausfeld seine Vorträge überarbeitet zu haben. Verständlicher, weniger akademisch formuliert. Dem Inhalt und dem (bisherigen) Lesevergnügen meinerseits tat das keinen Abbruch. Eine Rezension will (und kann) ich jedoch nicht schreiben, dazu ist das Thema zu komplex, das Buch zu umfassend.

Neben seinen beiden Vorträgen („Warum schweigen die Lämmer?“ und „Die Angst der Machteliten vor dem Volk“ ) bietet das Buch diverse Interviews, u.a. mit den Nachdenkseiten und Paul Schreyer. Lesenswert und trotz der vielfältigen Möglichkeiten der elektronischen Verbreitung in Buchform ein Qualitätssprung …

Telepolis veröffentlichte bereits am 02.10.18 ein Interview mit Prof. Mausfeld zum Buch. Aus diesem Buch stammt folgendes Zitat:

Aus Sicht der Herrschenden diente die Demokratie fast immer lediglich zur Revolutionsprophylaxe. Auch ist es ein historisches Faktum, dass die Einführung der repräsentativen Demokratie historisch der Demokratieabwehr diente …
 … Die Einführung der repräsentativen Demokratie diente von Beginn an der Sicherung der Eigentumsordnung und der Erzeugung einer Illusion von Demokratie durch Etablierung einer Elitendemokratie. Diese Ideologie einer Elitendemokratie durchzieht als Mittel einer Demokratieverhinderung das gesamte vergangene Jahrhundert bis heute.
Eigentlich sollte leicht zu erkennen sein, dass die Idee politisch umfassend kompetenter, rationaler und dem Allgemeinwohl verpflichteter Eliten nicht mehr als eine Phantasie selbstdeklarierter Eliten ist. Mit dieser ideologischen Fiktion wollten sie die politische Entmündigung des „dummen“ Volkes rechtfertigen. Auch die politischen Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte belegen noch einmal, dass, in den Worten von Ingeborg Maus, die Bürger zumeist keineswegs den Grad politischer Dummheit aufweisen, der dem der politischen Funktionseliten auch nur annähernd gleichkäme.
Bei nüchterner Evaluation der Realitäten und der – vor allem langfristig – desaströsen zerstörerischen Folgen der Ideologien von Elitedemokratie und Neoliberalismus, müssen diese Ideologien wohl als so grundlegend gescheitert angesehen werden wie kaum eine gesellschaftliche Ideologie zuvor. Da sie sich jedoch jeder demokratischen Kontrolle entzogen haben, werden sie, solange es das „dumme“ Volk duldet, ihr soziales und ökologisches Zerstörungswerk weiter fortsetzen.
In einem Punkt allerdings Rainer Mausfeld widersprechen: gerade die in seinen Vorträgen aufgezeigte historische Kontinuität der Demokratieverhinderung zeigt, dass es sich hierbei nicht um ein neuzeitliches Phänomen handelt, vielmehr klares Kennzeichen der Klassengesellschaften ist. In diesem Sinne ist die Demokratie auch nicht erst in den vergangenen Jahrzehnten „ausgehöhlt“  und durch eine „Illusion der Demokratie“ ersetzt worden. Sie hat nie existiert, lediglich die Mittel zur Erzeugung der Illusion änderten sich bzw. die Einsicht, dass Unterdrückung und Ausbeutung mit Mitteln der Manipulation und Erzeugung eben dieser Illusion billiger zu realisieren ist als durch nackte Gewalt musste heranwachsen.
Viel mehr noch: seit dem Zusammenbruch des Sozialismus und der Agonie der kommunistischen Bewegung in weiten Teilen der Welt scheint die Aufrechterhaltung der Illusion immer weniger notwendig zu sein, der Weg der nackten Gewalt scheint wieder zu einer Alternative zu sein …

Vincenz Müller und Wehrmachtsoffiziere in der NVA

Eines der „großen Geheimnisse“ und Beleg für die fehlende Dankbarkeit der SED für Offiziere der Wehrmacht, die als Spezialisten beim Aufbau der KVP und der NVA tätig waren, gilt der Fall des ehemaligen Generals der Wehrmacht und der NVA Vincenz Müller. Die Faktenlage scheint klar, denn immerhin widmete der (west)deutsche Historiker Lapp Müller ein Buch („General bei Hitler und Ulbricht – Vincenz Müller eine deutsche Karriere“, ISBN 978-3861532866) und auf Grundlage dieses Buches wurde gar ein Fernsehfilm produziert.

Bei Diskussionen ehemaliger Angehöriger der NVA bringt man dem Fakt der Entlassung Müllers aus der NVA und der damit verbundenen „Säuberung“ von ehemaligen Generalen und Offizieren der Wehrmacht herrscht die o.a. Meinung vor: Undankbarkeit seitens der Staatsführung der DDR, Unverständnis für den rigorosen Schritt, der Ende der 50er Jahre vollzogen wurde.

Inzwischen kommt allerdings die der Sympathie für die DDR und ihre Geschichte gänzlich unverdächtige Wikipedia nicht umhin, Gründe dafür zu nennen:

Sämtliche westlichen Nachrichtendienste interessierten sich für ihn und ehemalige Kameraden besuchten ihn 1952 in Ostberlin auch im Auftrag der „Organisation Gehlen“.[13] Über Kontakte, die er zu alten Kameraden – vor allem nach Bayern – hatte, traf er 1955 und 1956 im Auftrag der DDR-Regierung den damaligen Bundesfinanzminister Fritz Schäffer (CSU) in Ostberlin und führte Gespräche über die Chancen einer deutsch-deutschen Verständigung mit dem Ziel einer Konföderation. Müller deutete einen bevorstehenden Sturz Ulbrichts und die Möglichkeit eines wiedervereinigten Deutschlands an, das aber so neutral wie Österreich sein solle.

Diese Begründung und die Hintergründe deutlich stärker ausleuchtend nennt auch Kurt Gossweiler für die Entlassung Müllers. Er schreibt u.a.:

Lapp hat also in den DDR-Akten den dokumentarischen Beweis dafür gefunden, dass “auf sowjetisches Betreiben hin” (und das war 1955/56 Chruschtschow, und nicht mehr, wie 1953, Berija!) Walter Ulbricht verhaftet und die DDR-Regierung gestürzt werden sollte, und dass Vincenz Müller zu denen gehörte, die dazu ausersehen und bereit waren, diesen konterrevolutionären Staatsstreich auszuführen. Da dies der DDR-Führung bekannt geworden war, kann deren – von
Prokop in seiner Rezension berichteten – Reaktion eigentlich nur durch ihre Zurückhaltung überraschen: V. Müller wurde im Dezember 1957 vom Dienst suspendiert und am 28. Februar 1958 pensioniert. Die Vorwürfe gegen ihn beschränkten sich darauf, er habe ZK-Beschlüsse verletzt, gegen die führende Rolle der SED in der NVA opponiert, seine parteiliche und dienstliche Stellung in der Nationalen Volksarmee missbraucht, er habe eine eigene Politik betrieben und auf Untergebene zersetzerisch gewirkt.

Das entsprechende Schriftstück gehört zu den auf der Webseite Gossweilers veröffentlichten Dokumenten. Ich habe mir ja vorgenommen, nach und nach diese Dokumente in „lesbarer“ Form als PDF-Dateien zur Verfügung zu stellen.

Ihr findet dieses interessante Dokument unter Downloads/Weltanschauung/Gossweiler …