Moderne Kreuzritter – Herr Grafe und die DDR

Roman Grafe – Autor und selbst ernannter Großinquisitor in Sachen DDR-Unrecht – war wieder einmal unterwegs um im Rahmen einer Lesung Schülern seine Sicht auf die Geschichte nahe zu bringen. Dieses Mal sogar in der Altmark, genauer in Stendal. Herr Grafe las vor etwa 50 Schülern aus einem seiner Bücher und fabulierte danach “ … von Tätern, Opfern und Mitläufern der SED-Diktatur: dass niemand gezwungen wurde, zu den Grenztruppen zu gehen. Dass es für Grenzsoldaten Vergünstigungen gab, dass sie bei der Studienplatzvergabe bevorzugt wurden, mehr Ausgang hatten. Dass Denunzianten Prämien bekamen.“. Als eine anwesende Lehrerin und wohl auch einige Schüler seiner einseitigen Darstellung widersprachen, sieht Herr Grafe rot und verlangt nach der Lesung von der Schulleiterin „eine verbindliche Klarstellung der Äußerungen der Lehrerin gegenüber ihren Schülern, den Eltern“ und ihm selbst. Die Schulleiterin lehnt das ab und beruft sich auf die Meinungsfreiheit, die wohl auch für die Lehrerin gelten müsste. Daraufhin tritt unser Kreuzritter an die Öffentlichkeit: in einem Artikel in der „Zeit“ unter dem Titel „Die sind alle noch da“ beschreibt er den Vorgang aus seiner Sicht …

 
Eben noch kämpft er also gegen Denunzianten und wenig später denunziert er selbst, denn was ist dieser Artikel sonst? Mal abgesehen von den Unwahrheiten über die „Grenzsoldaten“ – dieselben waren ab 1962 Wehrpflichtige und konnten sich durchaus nicht aussuchen, ob sie ihren Wehrdienst bei den Grenztruppen oder z.B. bei den Panzertruppen absolvieren, auch der folgende Teil mit mehr Ausgang usw. ist absoluter Nonsens – geht Herr Grafe noch weiter. 
Zuerst macht er den Oberbürgermeister von Stendal (ehemaliger Finanzoffizier) “ … zu einem der mächtigsten Offiziere im Grenzkommando Nord …“ – ausgerechnet den im Armeejargon als „Kassenscheich“ bezeichneten Offizier 😉 . Wenig später wird der ehemalige Kultusminister Sachsen-Anhalts Karl-Heinz Reck angeschwärzt, weil er 1995 eine Empfehlung für „die Darstellung der DDR im Geschichtsunterricht“ ablehnte, da sie ihn „an SED-Propaganda, nur mit umgekehrten Vorzeichen“ erinnerte. Stammte diese Empfehlung vielleicht von Herrn Grafe selbst?
 
Der Artikel und die sich daraus entwickelnde Diskussion (lest mal ein wenig in den Kommentaren) macht für mich vor allem eines deutlich: Meinungsfreiheit gilt für Kreuzritter wie Herrn Grafe nur solange, wie seine eigene Meinung bestätigt wird, die Deutungshoheit über die DDR-Geschichte liegt ausschließlich bei ihm und seinen „Brüdern in Demokratio“. Gegensätzliche Meinungen sind „Verklärung“ und ihre Protagonisten verdammenswerte Alt-Kommunisten, „ewig gestrige“ usw. …
 
Ich hege keine Sympathien für Herrn Schmotz, dem Oberbürgermeister von Stendal, weil er als ehemaliger Offizier (was er ja trotz seiner eher zivilen Funktion war) und SED-Mitglied heute als Mann der CDU (wenn auch parteilos) poltisch aktiv ist. Herr Reck hat als ehemaliger Kultusminister auch einige sehr fragwürdige bildungspolitische Entscheidungen im Land Sachsen-Anhalt zu verantworten. Nur wenn Herr Schmotz gewählt wurde und das trotz seiner Vergangenheit (die durchaus bekannt war) und wenn Herr Reck als Minister eine Entscheidung fällt, die in den Rahmen seiner Kompetenzen fiel, hat man das zu akzeptieren.
 
Das wahre Demokratieverständnis des Herrn Grafe u.a. wird durch solche Vorgänge wie dem oben beschriebenen nur allzu deutlich. Eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte wird mit der Holzhammermethode nicht funktionieren. In einem Punkt schließe ich mich der Meinung von Herrn Reck an: die Schwarz-weiß-Malerei des Geschichtsunterrichts in der DDR wird heute fortgesetzt, nur das aus schwarz weiß und aus weiß schwarz geworden ist. Und Herr Grafe ist einer der großen Wortführer im Kreuzzug gegen die DDR …
Wie groß ist in Deutschland eigentlich die Angst vor der Leiche DDR? Ein viertel Jahrhundert nach ihrer ruhmlosen Selbstaufgabe größer denn je …
 
Frei nach Marx und Engels im „Kommunistischen Manfest“:
 
Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst der DDR. Alle Mächte des alten Deutschland haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, Richter und Staatsanwälte, Gauck und Merkel, christliche Demokraten und Journalisten.

 

 

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