Trouble mit Kanotix – Teil 2

Jede Linuxdistribution hat ihre Besonderheiten, die eine mehr, die andere weniger. Kanotix – inzwischen seit etwa 2 Wochen auf meinem Heim-PC installiert – gehört wohl zu denen, die etwas mehr Besonderheiten haben.

Gestern kam der 10jährige zu mir und erzählte, dass er den „Computerführerschein“ machen wolle über die Webseite seiner Schule. Auch wenn ich am Nutzen solcher „pädagogisch wertvollen“ Aktivitäten so meine Zweifel habe, freue ich mich doch immer, dass auch mein alter Rechenknecht im Kinderzimmer eine andere Verwendung findet als immer nur zu spielen und Musik zu hören … Da aber der Schreibtisch vom Kleinen belegt war, verwies ich den Führerscheinaspiranten an meinen Rechner. Beim Start des „Programms“ erhielten wir dann die Meldung, dass ein Plugin zum Start fehlen würde. Die Unsitte, Webseiten mit Flash-Filmchen und Animationen zu überfrachten ist also auch bei den Grundschulen des Landes angekommen 🙁 … Ich selbst habe Flash nie vermisst, aber die Holde hatte mich schon gebeten, dafür zu sorgen, dass „die Webseiten gehen“ und nun noch ihr Großer, da konnte ich mich nicht mehr verweigern :-).

Kanotix hat ja wie sein „Mutterschiff“ Debian eine sehr restriktive Grundeinstellung zu nicht-freier Software. Nur konsequent, dass auch das Flash-Plugin für den Iceweasel nicht installiert ist. Kein Problem – aus den Debianquellen das Paket flashplugin-nonfree nachinstalliert und tatsächlich hatte ich Erfolg – die Fehlermeldung änderte sich :-). Nunmehr teilte mir die Seite mit, dass das Plugin abgestürzt sei. Nach diversen Spielereien mit direktem Download des Plugins von der Adobeseite, manueller Installation usw. kam ich auf die Idee doch einmal bei Kanotix direkt nach einer Anleitung zu suchen. Ich wurde auch recht schnell fündig. Im Forum stellte bereits 2009 jemand eine diesbezügliche Frage. Kano – der „Besitzer“ der Distribution – antwortete schnell und zielführend:

Du darfst nix über apt-get installiernen, was flash oder swf im namen hat!

als root:

apt-get remove –purge $(dpkg -l|awk ‚/flash|swf/{print $2}‘)

als user:

wget -O- http://kanotix.com/files/install-flash-local.sh|sh

Hmm, wenn er das so sagt … Kanos Anleitung führte dann tatsächlich zum Erfolg und nunmehr werden auch in meinem Iceweasel Videos abgespielt. Der weitere Verlauf der Diskussion (hier zu finden) gipfelte schließlich in dem Satz Kanos:

Ist mir herzlich egal wie andere das handhaben, aber das Script sollte mit anderen gängigen Distros auch gehen und ein Browser plugin kann man wirklich per Script problemlos im Home updaten und muss nicht extra paketiert werden.

Spätestens jetzt bekomme ich Bauchschmerzen. Natürlich ist es das gute Recht von Kano seine Distribution so aufzubauen, wie er es für richtig hält. Allerdings sehe ich genau hier eine der großen Schwächen von Linux: jeder kocht sein eigenes Süppchen, Standards existieren nicht oder doch nur in sehr geringem Maße. Das wenige was durch die LSB (Linux Standard Base) definiert wurde, wird durch kaum eine Distro realisiert (gibt es überhaupt eine Distribution, die die Festlegungen der LSB vollständig umsetzt?) und so kommt es, dass von einer Kompatibilität zwischen den einzelnen Derivaten keine Rede sein kann, da jeder es so handhabt wie es ihm gerade gefällt. Selbst solche Kleinigkeiten wie eben ein Browser-Plugin können nicht auf einem „Standardweg“ installiert werden.

Ich empfinde diese Seite meines Betriebssystems Linux als ausgesprochen störend. Selbst eine LPI-Zertifizierung ist kein Garant dafür, dass der entsprechende Probant tatsächlich sofort mit der aktuell vorgefundenen Distribution klar kommt. Ständig ist ein entsprechender Aufwand erforderlich um z.B. die korrekten Pfade zu den Konfigurationsdateien zu finden oder bei der Installation von Programmpaketen müssen Abhängigkeiten und Besonderheiten beachtet werden. Natürlich sind das grundsätzlich lösbare Probleme, aber jede dieser einzelnen Lösungen erfordert Zeit und Aufwand. Wenn es sich dann um so etwas profanes wie eben ein Browser-Plugin handelt, hört mein Verständnis auf …

Für mich persönlich ergiebt sich daraus, dass die Suche nach „meiner“ Distribution noch nicht beendet ist. Nichts gegen Kano, er hat mit seinem Kanotix wirklich gute Arbeit geleistet, aber die Abhängigkeit von einer Firma wie Canonical und ihrer monetär geprägten Strategie gegen die Abhängikeit von einer einzelnen Person und ihren Vorlieben bzw. Abneigungen zu tauschen, kann auf Dauer nicht der richtige Weg sein …


4 Antworten auf „Trouble mit Kanotix – Teil 2“

  1. Ja habe von der offiziellen Homepage das Cebit Special 2013 herunter geladen. Worin genau besteht der Unterschied?
    Sehe ich das richtig – die acrotix-Version ist ein Fork von Kanotix, also ein Fork von einem Debian-Fork? 🙂
    Beschreibt ziemlich genau das, was mich im Moment so nervt …

  2. Das Cebit Spezial ist schon okay. Der Meister hat dort das Augenmerk auf die Integration von Steam gelegt, was gar nicht schlecht ist. Die Trialshots vom Acritox beschreiben die aktuelle Situation recht gut: KANOTIX baut eigentlich auf Debian stable. Damit ist das tatsächlich letzte Release eigentlich Hellfire. Nimmt bloß kein Mensch mehr jetzt für eine Neuinstallation. Die Dragonfire-Kandidaten sind daher allesamt Previews, und Acritox stellt eigentlich keinen Fork von KANOTIX dar, sondern repräsentiert gewissermaßen die Entwicklerlinie. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass es nach dem Release von Debian wheezy noch etwas dauern wird, bis ein final release von Dragonfire kommt. Es war mal ein paar Jahre lang so etwas wie ein Markenzeichen von Kano, ein running gag quasi, nie ein final release vorgestellt zu haben… 😉

    Der IRC ist recht praktisch, wenn Kano da ist. Seine herzliche oberfränkische Art fordert zwar manchmal echte Beherrschung ab, aber er hilft immer.

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